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Lexikon der Psychopneumologie – I wie Imagination

Menschen mit einer guten Vorstellungsgabe tun
sich bei Imaginations-Übungen möglicherweise leichter. Im Grunde jedoch kann jeder
Mensch den Zugang zu seiner inneren Bilderwelt finden. Gerade für Patienten mit
chronischen Lungenerkrankungen eröffnet sich damit ein hilfreicher
Behandlungsweg.



Imagination – was ist das eigentlich?

Imagination (lateinisch:
imago = Bild) bedeutet Vorstellungskraft, bildhafte Phantasie. Sie umfaßt die
psychische Fähigkeit, in der Außenrealität sinnlich nicht gegenwärtige
Bilder, Orte, Personen oder Situationen im Geiste wahrzunehmen.
Jeder
Mensch besitzt im Grunde die Fähigkeit zur Imagination. Im Alltag setzen wir
diese Fähigkeit (mehr oder weniger bewußt) ein, wenn wir uns an Szenen erinnern,
wenn wir bestimmte Lösungsszenarien im Geiste durchspielen oder wenn wir (gewünschte
oder gefürchtete) Ergebnisse innerlich vorwegnehmen.

Die Vorstellungskraft läßt
sich trainieren, z. B. durch die Anleitung zu einer intensiven Bildbetrachtung.
Dazu kann man ein Photo nehmen und es in allen Einzelheiten anschauen und
beschreiben. Danach schließt man die Augen, vergegenwärtigt sich das Bild und
beschreibt es so genau wie möglich.

Diese vorbereitende Übung
macht bereits deutlich: Im Gegensatz zu Traumbildern, werden die Bilder im
Rahmen einer Imagination willentlich hervorgerufen.

Zahlreiche
psychotherapeutische Behandlungsverfahren setzen Imagination gezielt ein. Vor
allem die dritte Welle der kognitiven Verhaltenstherapie (u. a. ACT = Acceptance-Commitment-Therapie
und MBCT = Mindfulness Based Cognitive Therapy) verwendet sorgfältig gewählte
und individuell an den jeweiligen Patienten angepaßte Imaginations-Übungen.

Was geschieht bei der
Imagination im Gehirn?

Studien (v. a. mittels fMRT = funktionelle
Kernspin-Tomographie) konnten nachweisen, daß während der Imagination im Gehirn
die gleichen Prozesse ablaufen, wie wenn
die untersuchte Person die vorgestellte Szene in der Realität erlebt.
Die Aktivitäten
in den zuständigen Gehirnbereichen scheinen nur etwas schwächer zu sein. Wenn
ich also in meiner Vorstellung an einen Ort gehe, an dem ich mich wohl fühle,
z.B. an einen Meeresstrand, und wenn ich den Sand unter meinen Füßen, das
Rauschen der Brandung, den Schrei der Möwen… wahrnehme, dann laufen in meinem
Gehirn ähnliche Prozesse ab, als würde ich all diese Eindrücke wirklich an
einem Meeresstrand erleben.

Dieses
Bilderleben funktioniert leider auch genauso intensiv bei unangenehmen,
bedrohlichen Bildern
(z. B. von Atemnot und Angst). Die
Vorstellungen haben unmittelbaren Einfluss darauf, was im Körper geschieht und wie
beispielsweise Atemnot und Angst wahrgenommen werden.

Imaginations-Übungen im Rahmen einer
psychopneumologischen Behandlung nutzen genau diese Zusammenhänge.

Was bewirkt Imagination?

Ein besonderer Vorteil der Imagination liegt in ihrer
Flexibilität: Sie kann in zwei Richtungen genutzt werden:

  • Richtung
    Entspannung
  • Richtung
    Aktivierung

In Richtung Entspannung wird die Aktivität des Sympathikus
heruntergefahren (= Teil des Nervensystems, der für den Alarmzustand unseres
Körpers zuständig ist). Gleichzeitig wird der Parasympathikus aktiver (= Teil
des Nervensystems, der für den Ruhezustand unseres Körpers zuständig ist).

In Richtung Aktivierung ist es genau umgekehrt.

Mittels Imagination kann man eine Kombination aus körperlicher Entspannung und geistiger Wachheit hervorrufen.
Dieser Zustand ist für viele Menschen besonders erstrebenswert, denn sie wollen
einerseits die innere Ruhe und zugleich Kraft und Energie.

Studienergebnisse aus dem Gebiet der
Psycho-Neuro-Immunologie legen nahe, daß regelmäßig
praktizierte Imaginations-Übungen das Immunsystem beeinflußen.
Die
Datenlage ist zwar noch dünn, jedoch durchaus ermutigend – auch für Patienten
mit chronischen Lungenerkrankungen.

Imagination: Schritt für
Schritt  

Werden Imaginationen im Rahmen von
psychopneumologischen Interventionen eingesetzt, so sollte zu Beginn der
Behandlung ein erfahrener Behandler die Übungen einleiten und begleiten. Von
Anfang an sollten Patienten jedoch parallel eigenständig und regelmäßig (am
besten täglich) üben. Mit der Zeit können sie dann unabhängig die individuell
passenden Imaginationen bei Bedarf anwenden.

Schritt
1: Information

Gerade ein Verfahren wie Imagination, das im
allgemeinen Bewußtsein häufig in der „Esoterik-Ecke“ verortet wird, muß dem Patienten
vor der ersten Übung sachlich fundiert und verständlich erklärt werden.
Kritische Nachfragen sollten inhaltlich begründet und ggf. mit Verweis auf
Quellen beantwortet werden. Zum (Immer wieder)-Nachlesen können schriftliche
Informationen angeboten werden.

Schritt
2: Einleitung

Ob die Imagination mit geschlossenen oder mit offenen
Augen erfolgt, ist nicht entscheidend. Ein inneres Bild kann auch mit
geöffneten Augen wahrgenommen werden. Das gilt für alle Imaginations-Übungen.

Mitunter erfolgt die Einleitung der Imagination „en
passant“, wie nebenbei im Laufe eines Gesprächs. Die meisten Patienten
profitieren allerdings von einer vorgeschalteten Grounding-Übung (Spüren der
Unterlage oder des Bodens) und von einer kurzen Muskelentspannung.

Schritt
3: Vom Problem ausgehen

Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen sind
zunächst meist auf die unangenehmen und bedrohlichen Symptome ihrer Krankheit
fixiert. Die Aufmerksamkeit kreist beispielsweise um Atemnot-Erfahrungen und
damit verbundene Ängste. Häufig können sie nichts anderes als diese Symptome
wahrnehmen.

Es ist wichtig, diesen Zustand im Sinne der
Imaginations-Arbeit zu utilisieren (= nutzen). Man arbeitet dann beispielsweise
mit der Atemnot-Erfahrung wie mit einem inneren Bild und leitet wie folgt an:
„Wenn die Atemnot eine Farbe hätte – welche Farbe hätte sie? Wenn sie einen
Geruch hätte, … ein Geräusch wäre,… eine Oberfläche hätte,…welchen Geruch,
welchen Klang, welche Oberfläche hätte die Atemnot?

Schritt
4: Zum heilsamen Bild führen

Beim nächsten Schritt geht es darum, sich eine Landschaft
oder Szene vorzustellen, die als angenehm empfunden wird und frei von dem
aktuellen Problem ist (z. B. die frische Brise am Meeresstrand oder die würzige
Luft im Wald). Meist taucht spontan ein inneres Bild auf – mitunter ist es ein
überraschendes Motiv und zumeist machen Patienten die Erfahrung, daß sie nicht
lange nachdenken mußten. Diese Erfahrung stärkt die Selbstwirksamkeits-Erwartung
und das Vertrauen in das Verfahren der Imagination.

Schritt
5: Das heilsame Bild wirken lassen

In der Imagination wird nun das heilsame Bild intensiv
mit allen Sinnesqualitäten wahrgenommen:

  • Was sehe ich?
  • Was höre ich?
  • Was rieche ich?
  • Was schmecke ich?
  • Was spüre ich auf meiner Haut?

Wenn Patienten ihre inneren Bilder immer genauer
erforschen, verbessern sie ihre Wahrnehmung von Körper und Gefühlen. Sie lernen
zunächst in der Imagination, körperliche Empfindungen, Gedanken und Gefühle
besser zu unterscheiden und besser zu steuern. Dieses in der Imagination
erprobte Verhalten verändert nach und nach die Problem-Erfahrung. So erhält das
Problem (z. B. die Atemnot) auch im Alltag einen anderen Stellenwert.

Probieren geht über Studieren!

Eigentlich gilt für alle psychopneumologischen
Verfahren die Devise: Lesen bildet – Tun verändert!

In besonderem Maße gilt das
für ein Verfahren wie die Imagination. Hier kommt es auf persönliches Engagement
und Üben an:

  • regelmäßig (am
    besten täglich)
  • unabhängig von
    äußeren Umständen (Lust und Laune)
  • ausdauernd (am
    besten als Alltags-Routine)

Wer an dieser Stelle fest entschlossen ist, die Methode Imagination zu erproben, findet in der Kategorie Download (im Beitrag „Free Download“) die schriftliche Anleitung für einen „Strandspaziergang“ und zusätzlich eine Wohlfühl-Imagination.

Also: Entspannt hinsetzen
oder hinlegen – sich dem Reiseführer überlassen – in das innere Bild eintauchen
… und durchatmen …

Mit
herzlichen Grüßen von Monika Tempel [Sauerstoff und Sinn] www.monikatempel.de