COPD, chronische Schmerzen und Co: wie persönliche Stärken zum Wohlbefinden beitragen

 

Chronische Lungenerkrankungen sind für Patienten (und ihre „Kümmerer“) herausfordernd – besonders, wenn belastende Symptome und emotionale Krankheitsfolgen im Verlauf zunehmen. Dann müssen Patienten ihre persönlichen Stärken entdecken und mobilisieren, um Stabilität und Wohlbefinden zu fördern. Wie können Gesundheitsexperten sie dabei am besten unterstützen?

 

Digitales Empowerment: Stärken erkennen und aktivieren durch ein interaktives Online-Angebot  

Bei chronischen Erkrankungen liegt der Fokus von Forschung und Therapie üblicherweise auf Pathologie und Risikofaktoren. Das ändert sich bei chronischen Lungenerkrankungen langsam in Richtung Salutogenese und Schutzfaktoren. Empowerment (= Stärkung, Ermutigung) liegt auch in der Arzt-Patienten-Kommunikation voll im Trend.

Einige Studien haben den positiven Effekt von digitalen Angeboten zur Vorbereitung auf eine gelingende Arzt-Patienten-Kommunikation nachgewiesen. Untersucht wurden beispielsweise Online-Trainings in Motivierender Gesprächsführung und eine allgemeine Erfassung von Stärken. Es fehlen bisher interaktive digitale Interventionen, die Patienten individuell dabei unterstützen, ihre Stärken zu erforschen und auszudrücken. Ebenso fehlen Hinweise für Behandler, wie sie gezielt die Patienten-Stärken erfragen und für die Krankheitsverarbeitung aktivieren können.

Eine norwegische Forschergruppe hat u. a. Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen und chronischen Schmerzen gefragt:

  • Welche Stärken empfinden Sie als wichtig für Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden?
  • Welche Stärken sollten in der Arzt-Patienten-Beziehung besonders berücksichtigt werden?

 

„Gesundheitsvermögen“: die positive Bilanz für das persönliche Wohlbefinden bei chronischen Erkrankungen   

Das „Gesundheitsvermögen“ umfaßt das gesamte Repertoire von Stärken, die positive Gesundheitsreserven mobilisieren und das Wohlbefinden fördern.

Bei den Studienteilnehmern ließ sich das „Gesundheitsvermögens“ in drei Hauptkategorien einteilen:

  • Innere Stärken
  • Äußere Stärken
  • Selbst-Management-Strategien

Es lohnt sich, die genannten Kategorien im Detail zu betrachten. Die einzelnen Unterpunkte können für Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen interessante Anregungen zur aktiven Krankheits-Verarbeitung ( = Coping) liefern.

 

Innere Stärken

  1. Beharrlich sein

„Wenn ich ganz unten bin, gibt es nur einen Weg: aufwärts! Dann rede ich mir gut zu: Du bist dran – raff Dich auf – beweg Dich!“

Konkret:

  • Erlernte Übungen (aus der Reha, aus dem Lungensport) wiederaufnehmen oder konsequenter fortsetzen
  • Alltagsfähigkeiten (= ADL) für das Leben zuhause nicht vernachlässigen

 

  1. Eine positive Grundhaltung einnehmen

„Ich versuche, eine positive Seite zu finden – sogar, wenn alles dunkel und hoffnungslos erscheint. Ich wähle diesen Blick, auch wenn es mir ganz schlecht geht.“

Konkret:

  • Dankbar sein für die guten Dinge im Leben
  • Sich auf angenehme Zeiten freuen
  • Für Fortgeschrittene: die „Vorteile der Krankheit genießen“ – z. B. sich selbst besser zu kennen und persönlich zu reifen

 

  1. Umgänglich und fürsorglich sein

„Ich bin in der Regel verträglich und hilfsbereit gegenüber anderen.“

Konkret:

  • Einfühlsam für andere sein
  • Diplomatisch handeln
  • Geduldig und tolerant mit anderen sein
  • Für Fortgeschrittene: sich ehrenamtlich engagieren (z. B. in einer Selbsthilfe-Gruppe)

 

  1. Positive Gefühle erfahren

„Ich führe eine tägliche Dankbarkeits-Liste. Und ich habe Ziele, auf die ich mich freue.“

Konkret:

  • Freude und Dankbarkeit erfahren
  • Interesse, Zufriedenheit, Stolz pflegen
  • Soziale Kontakte und Hobbies (v. a. in der Natur) genießen
  • Humorvoll sein
  • Spiritualität pflegen

 

  1. Selbstfürsorglich sein

„Ich versuche, nicht zu viel von mir zu verlangen. Ich bin gut genug, so wie ich bin.“

Konkret:

  • Sich selbst freundlich betrachten
  • Weniger selbstkritisch sein
  • Sich nicht mit anderen vergleichen
  • Sich für alles die Zeit gönnen, die man dafür braucht (auch für Erholung und Entspannung)
  • Streß vermeiden
  • Im gegenwärtigen Augenblick präsent sein (Achtsamkeit)
  • Auf den Körper hören (Selbstwahrnehmung)
  • Sich selbst wichtig nehmen

 

  1. Sich mit der Situation aussöhnen

„Die Sauerstofflangzeit-Therapie wird immer bei mir sein – als Monster oder als Freund, je nachdem, welchen Blickwinkel ich wähle. Ich weiß nicht, wie ich mit der LTOT fertig geworden wäre, wenn ich sie nicht als Teil von mir angenommen hätte.“

Konkret:

  • Die Symptome und ihre Auswirkungen annehmen (Akzeptanz)
  • Ehrgeiz und Ziele an die Einschränkungen anpassen

 

  1. Mutig sein

„Ich könnte mich im Haus verkriechen und auf´s Sofa legen. Aber ich spüre, daß es nicht gut für mich ist. Ich muß mich dem Leben draußen und den anderen Menschen stellen. Ich sollte dabei Hilfe annehmen, damit es mir gut geht – statt immer zu versuchen, alles allein zu schaffen.“

Konkret:

  • Neue Verhaltensweisen ausprobieren
  • Offen sein
  • Verletzlichkeit und Abhängigkeit zeigen
  • Um Hilfe bitten lernen
  • Anderen Menschen Grenzen setzen (z. B. Wem erzähle ich von der Krankheit, wem nicht?)

 

  1. Wissen und Einblick haben

„Ich weiß jetzt mehr über meine COPD und kann so mit ihr umgehen. Wenn ich beispielsweise meine Medikamente regelmäßig nehme, fühle ich mich sicherer, ruhiger. Ich habe dann mehr Kontrolle über das, was in meiner Lunge passiert. Die Dinge sind vorhersehbarer, meine Angst vor Brustenge und Atemnot verschwindet, wenn ich aufmerksam bin.“

Konkret:

  • Das nötige Wissen über die Krankheit erwerben (Medikamente, Physiotherapie, Lungensport – z. B. durch Informationsportale im Internet)
  • Aufmerksam sein für die Wechselwirkungen zwischen Körper – Seele – Geist (z. B. Einfluß von Entspannung und Streß=

 

Äußere Stärken       

Unterstützung durch andere

„Es hilft, wenn Du erfährst: Ich bin nicht allein. Familie und Freunde kümmern sich um mich.“

Konkret:

  • Angehörige und Freunde unterstützen bei einem gesünderen Lebensstil (Rauchen, Ernährung, Bewegung, Entspannung, emotionales Gleichgewicht)
  • Angehörige und Freunde bemerken Veränderungen im Befinden und respektieren Grenzen
  • Andere Betroffene kennen die Probleme aus eigener Erfahrung und vermitteln das Gefühl von Solidarität.

 

Selbst-Management-Strategien   

Entschlossen handeln

„An schlimmen Tagen versuche ich, etwas zu finden, was mich sinnvoll beschäftigt – statt herumzusitzen und zu grübeln. Ich versuche, den Fokus zu ändern.“

Konkret:

  • Aktiv werden oder bleiben
  • Üben! Üben! Üben!
  • Belastungen und Streß reduzieren
  • Auf ausreichende Erholung achten
  • Die Dinge langsamer angehen
  • Planen, Prioritäten setzen, (Teil-)Ziele anstreben
  • Unterschiedliche Selbst-Management-Strategien ausprobieren: sich etwas von der Seele schreiben, Achtsamkeit pflegen, Humor bewahren…

 

Fazit: Das „Gesundheitsvermögen“ ist eine wichtiger Schatz für das Wohlbefinden 

Es gibt ein weitgefächertes Repertoire an persönlichen Stärken, die bei Umgang mit einer chronischen Lungenerkrankung hilfreich sind:

  • Beharrlichkeit
  • Eine positive Grundhaltung und positive Gefühle
  • Fürsorglichkeit im Hinblick auf sich selbst und auf andere
  • Bereitwilligkeit
  • Mut
  • und vieles mehr…

Die beschriebenen Stärken decken sich mit den Erkenntnissen zu Salutogenese, Positiver Psychologie und Resilienz.

Forscher und Behandler zeigen zunehmend Interesse und Wertschätzung für die persönlichen Stärken der Patienten.

Wenn es den Behandlern gelingt, die individuellen Stärken von Patienten mit COPD, chronischen Schmerzen und anderen andauernden Belastungen anzusprechen und zu mobilisieren, leisten sie einen entscheidenden Beitrag zu einer besseren Krankheitsverarbeitung bei chronischen Lungenerkrankungen.